
Waldesrauschen und Jubelstürme
Umjubeltes Neujahrskonzert des Gießener Stadttheaters lässt keine Wünsche offen
Die Scharte ist ausgewetzt, der Reinfall mit Dada vergessen: Jetzt hat das Publikum des Gießener Neujahrskonzerts das Stadttheater wieder richtig lieb. Beifalls- und Jubelstürme fegten am Neujahrstag durch das proppenvolle Haus am Berliner Platz: Unter dem Thema „Wald“ servierten Generalmusikdirektor Carlos Spierer und das auf 60 Mann verstärkte Philharmonische Orchester Gießen den Besuchern eine muntere, beschwingte Mischung, die keine Wünsche offen ließ. Und als Moderator rief der Mainzer Kabarettist Lars Reichow mit seinem trockenen Humor Lachtränen hervor.
In diesem dreistündigen Neujahrskonzert stimmte einfach alles. Wer danach nicht gut gelaunt ins Freie trat, ist selbst dran schuld.
Poetischen Zauber entfachte das bestens disponierte Orchester gleich zu Beginn in Engelbert Humperdincks Ouvertüre zur Märchenoper „Hänsel und Gretel“. Unter Spierers inspirierendem Dirigat blühte die Komposition in ihrem melodischen Empfinden und all ihrer Feingliedrigkeit auf. Das deutsche Volkslied und Richard Wagner haben hier Pate gestanden.
Romantisches Waldesrauschen war auch in den beiden Ausschnitten aus Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ zu vernehmen. Mit welch genialer Klangfantasie die Naturstimmungen des Waldes in diesem Werk Musik geworden sind, zeigte sich in der berühmten Arie „Durch die Wälder, durch die Auen“, in der sich der Tenor Andreas Scheidegger als kerniger, kraftvoller Sänger mit hervorragenden lyrischen Qualitäten auswies. Das Orchester betonte sehr genau die unter der romantischen Glut lodernden dramatischen Akzente. Eines der bekanntesten Stücke aus dem „Freischütz“ ist der Jägerchor, den der Herrenchor des Stadttheaters und Mitglieder des Männerchores „Jugendfreund“ Pohlheim tadellos darboten.
„Liebe Gießenerinnen, liebe Genießer“, begrüßte Lars Reichow sein Publikum. Der mit fast allen deutschen Kleinkunstpreisen ausgezeichnete Kabarettist, der eigens seinen Winterurlaub in den Alpen für den Auftritt in Gießen unterbrochen hatte, würzte den Konzertabend mit Sprachwitz und feiner Komik.
Reichow nimmt kein Blatt vor den Mund, doch bei ihm wird es niemals billig oder derb. Seine Komik lebt von der genauen Beobachtung menschlicher Schwächen - und darum können alle herzhaft mitlachen, weil sich jeder in den geschilderten Szenen selbst erkennt. Sei es, dass er die herbstliche Dekorationswut vieler Frauen mit „Strohstoffpuppen-Nuss-Kombination“ haarklein analysierte oder einen übergewichtigen Ehemann im Badezimmer bis in die Hautfalten beschrieb - immer traf er den Nagel auf den Kopf. Mit großer Heiterkeit wurden im Orchester seine Gedanken über das Verhältnis des jeweiligen Musikers zu seinem Instrument aufgenommen. „Bratschisten sind die Ostfriesen im Orchester“, sagte er und verwies auch auf die unendlich vielen Bratschisten-Witze. Kontrabassisten kamen bei ihm auch nicht gut weg, denn „sie sind wie ihre Instrumente, schwerfällig, schwer von Begriff und schwerhörig“. Und Hornisten hätten eigentlich nur die Aufgabe, den Kritiker „durch auffällige Kickser“ von den Fehlern der anderen abzulenken. „Eine wunderbare Musik, aber nichts für Heimatvertriebene!“ - so kommentierte Reichow Bedrich Smetanas Stück „Aus Böhmens Hain und Flur“ aus dem Zyklus „Mein Vaterland“, in dem das Orchester mit seinem umsichtig und souverän agierenden Dirigenten ein schönes romantisches Stimmungsbild von besonderem atmosphärischen Reiz schuf.
Viel Liebe zum Detail steckte in der Wiedergabe der innig-walzerseligen „Geschichten aus dem Wiener Wald“ von Johann Strauß und der von Volksmusik und spätromantischer Naturschwärmerei geprägten sinfonischen Dichtung „Im Walde“ des litauischen Komponisten Mikalojus Konstantinas Ciurlionis.
Mit „Onkel Carlos und dem Walt Gießen Orchestera“ (Reichow) wehte ein Hauch von Hollywood durch den Theatersaal: Nach den Filmmusiken zu „Robin Hood“ und „Bambi“ präsentierte sich das Orchester mit der Musik aus dem Zeichentrickfilm „Das Dschungelbuch“ temperamentvoll swingend in allerbester Big-Band-Manier.
Für den überschwänglichen Applaus des ganzen Hauses bedankten sich Spierer und seine Musiker mit Strauß-Polkas sowie nochmals „Dschungelbuch“ und Jägerchor als Zugaben.
In ihrem Grußwort zum neuen Jahr lobte Hausherrin Cathérine Miville die „neugierige Offenheit“ des Gießener Publikums, die es den Theaterleuten immer wieder möglich mache, auch unbekannte Werke anzubieten. Die Intendantin verwies auf die „breite Verwurzelung des Theaters mit der Region“ und erinnerte an den beispielhaften Theatervertrag von 1990, ohne den die gebotene Vielfalt überhaupt nicht denkbar wäre.
Cathérine Miville hob das menschliche Miteinander in ihrem Hause hervor. „Ich pfeife auf jeden Erfolg, wenn er sich nur durch unmenschlichen Umgang der Mitarbeiter erzielen ließe“, sagte sie. Thomas-Schmitz-Albohn, 03.01.2011, Gießener Anzeiger